BUNDESVERBAND WASSERSPORTWIRTSCHAFT E.V.

Ins Netz gegangen


Der Markt für Online-Charter wächst gewaltig – Die „Wassersport-Wirtschaft“ analysiert zwei verschiedene Anbieter-Modelle im Internet
Von Volker Göbner

Das Leben ist digital geworden. Telefonieren, Briefe schreiben, Lesen oder Shoppen ist heute ohne elektronische Helfer kaum mehr üblich, für manche schon unmöglich. Sogar das Auto wird einen in Bälde auf Zuruf alleine von A nach B bringen. Sicher kann künftig auch das Navigationssystem eine Fähre auf ein paar Zentimeter genau an die Mole rangieren. Aber im Urlaub auf einem Schiff (ob Segelyacht oder Motorboot) sind der Mensch und seine analogen Fähigkeiten noch gefragt. Der Weg zum Boot, zum temporären Besitz einer Yacht, genannt „Chartern“, wandelt sich indes. Während man früher überwiegend auf Messen kiloweise Kataloge einsammelte, nach Hause schleppte und dort wälzte, kann man heute bequem durchs Internet surfen und Angebote einholen – oder sich auch „verzetteln“. Die „Wassersport-Wirtschaft“ hat beispielhaft zwei Wege für das Chartern im Netz genauer angeschaut.
Shoppen von Zuhause ist bequem. Der Laden hat auch am Wochenende oder spät in der Nacht geöffnet. Man kann sich mit einem Angebot befassen, ohne dass gleich jemand fragt: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Gleiches gilt für den Chartermarkt. Allerdings war die Zahl der Angebote früher endlich, heute ist sie eher unendlich: Megabytes Daten statt Kilogramm Papier. Auch kann man beim E-Shopping alles, was nicht gefällt oder passt, zurückschicken. Bei einer gecharterten Yacht muss es gleich „passen“ – oder der ganze Traumurlaub ist mit einem Makel behaftet. Bücher, Mietwagen oder Hotelzimmer waren und sind dem Chartermarkt voraus.

YachtBooker – ein komplettes Online-System

15 Jahre ist es her, dass Felix Wolf feststellte, dass man zwar längst Hotels oder Mietwagen online buchen konnte – im Bereich Yachtcharter aber noch alles wie zu Zeiten der christlichen Seefahrt ablief. Eine Marktrecherche ergab, dass aufgrund ähnlicher Kriterien wie in der Tourismus-Branche ein Online-Buchungssystem durchaus Chancen hätte. Sein Segelfreund Jens Biermann, damals noch als Rechtsanwalt in München tätig, war schnell begeistert – und zu zweit wollten sie eine entsprechende Firma gründen. „Im goldenen Investoren-Zeitalter “, so Biermann, wurden ein Business-Plan geschrieben und Software-Hersteller gefunden, auch Banken waren zur Finanzierung bereit. Dann aber überrollte „9-11“, der Terroranschlag von 2001 in den USA u.a. auf das World Trade Center, das Projekt. Die Finanzierung war weg – aber sonst hatte sich an den Plänen nichts geändert. „Wir haben unser ganzes Hab und Gut in die Firma reingesteckt“, blickt Biermann auf die Gründung der YachtBooker Network AG zurück – „aber dafür gehört uns die Firma heute komplett.“

Das Unternehmen wurde Ende 2001 gegründet. „Es waren drei harte Jahre“, so Biermann weiter. Von Messe zu Messe, von einer Roadshow zur nächsten tingelten die beiden, um ihr Online-Buchungssystem bei Vercharterern und Agenturen anzupreisen. Nach drei Jahren war der Break-even geschafft. „Seither können wir die Entwicklung aus dem cash flow finanzieren“, so Biermann. Um die Programmierung der Systeme im Hintergrund ständig auf dem Laufenden zu halten hatten, gründeten die beiden schon früh die eigene Softwarefirma „IOmundo“ mit Sitz in Rumänien, die heute zwölf Leute beschäftigt. In der Zentrale von YachtBooker arbeiten weitere sechs Mitarbeiter für die Kundenbetreuung.

Die Buchungsplattform www.YachtBooker.com ist nur ein kleiner Teil des Geschäftsmodells von Biermann und Wolf. Auf dieses Portal blickt der Endkunde, wenn er eine Yacht sucht, vergleicht und Angebote anfordert oder direkt bucht.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Vercharterer stellen ihre Flotte für eine Gebühr in YachtSys.com, dem B2B-Portal von YachtBooker, den angeschlossenen Agenturen zur Verfügung.
Je nach dazu gebuchten Software-Modulen sind die Boote dort „nur“ sichtbar, und der Anbieter wartet auf Anfragen – oder diverse Tools erledigen für ihn weitere Verwaltungsschritte: Buchung, Termin- und Kundenverwaltung, Rechnungen, Mahnwesen, Eignerabrechnung, etc.

Das, was der Wassersportler auf der Homepage sieht, ist nur ein kleiner Teil der Unternehmenstätigkeit. Der Löwenanteil des Geschäftes liegt auf den Software-Tools unter www.yachtsys. com, mit denen Vercharterer und Agenturen ihre Schiffe, Buchungen und Kunden verwalten können. „250 Vercharterer mit etwa 4000 Yachten nutzen unsere Tools, dazu weltweit 900 Agenturen“, umreißt Felix Wolf den Umfang der Tätigkeit hinter dem Bildschirm. Sind die Boote erst einmal in das System eingepflegt, so ist es ein Leichtes, diese Daten auch für die Homepage des einzelnen Anbieters zu nutzen. Individuelle, komplette Websites erstellt die Softwareschmiede IOmundo unter Regie von YachtBooker daher auch für Charterfirmen und -agenturen.

Seriöser Qualitätscheck

Ein wichtiges Kriterium ist die Qualität eines Angebots. Da hat YachtBooker ein mehrstufiges System. „Bei uns kann sich keine Firma online registrieren“, betont Jens Biermann. Ob es die angebotenen Schiffe auch wirklich gibt, welche Versicherungen vorliegen – das wird zuvor geprüft. „Ähnlich wie bei Hotels haben wir ein Fünf-Sterne-System für den Yachtcharter-Bereich entwickelt“, erläutert Biermann. Mitarbeiter von YachtBooker bewerten nach objektiven Kriterien den Stützpunkt, die Angestellten sowie die Yachten und vergeben dann die Sterne. Mit dem Bewertungssystem YachtCheck (2009 entwickelt und markenrechtlich
geschützt) fließt auch die Resonanz der Charterkunden ein. Im Gegensatz zu vielen Bewertungssystemen der Tourismusbranche, in die wirklich jeder seinen Kommentar eintragen und Punkte vergeben kann, werden bei YachtCheck nur tatsächliche Kunden eingeladen, eine Bewertung abzugeben. „Wir merken, wenn Kunden beeinflusst werden oder Firmen sich selbst bewerten wollen“, betont Biermann. „Jede Bewertung ist ernst zu nehmen. Aber es sollten schon zehn bis 20 Bewertungen pro Yacht im Jahr sein“, gibt Felix Wolf eine Größenordnung an. Zur Düsseldorfer boot vergibt YachtCheck dann auch je einen Award für Einzel- und Mehrfachstützpunkte, gemessen an Zahl und Ergebnis der Bewertungen.

Für den Skipper, der eine Yacht sucht, ist all das auch in der Übersicht bereits in Kurzform zu erkennen: Mit dem Sterne-System ausgezeichnete Yachten stehen oben in der Trefferliste. Das Niveau der Ausstattung (vom Radio bis zur EPIRB) ist als Balkengrafik dargestellt, und ein grünes „B“ signalisiert, dass dieses Boot erstens direkt buchbar ist (die Systeme also eng genug verzahnt sind) und dass das Boot in der gewünschten Woche auch noch verfügbar ist.

Transparenz wird wichtiger

„Wir wenden monatlich rund 1000 Entwicklerstunden auf“, rechnet Biermann zusammen. Neuestes Produkt von YachtBooker ist die App „YachtFinder“ für Smartphones oder Tablets. Mit dieser Buchungsmaschine, die viele Charterfirmen auch auf ihren Homepages verwenden, kann man auch die Wochen vor oder nach dem gesuchten Termin überblicken – ob und zu welchem Tarif dort ein bestimmtes Schiff verfügbar ist. „Die meisten wissen aber genau, wann sie chartern wollen“, sagt Wolf.

Vieles neu machen soll der Oktober: Bis dahin rechnen Biermann und Wolf, dass sie ein umfassenderes Update ihrer Website fertig haben. „Mehr Transparenz“ verspricht Felix Wolf. Beispielsweise werde dann auch bei YachtBooker.com der anbietende Vercharterer sichtbar werden. „Der Kunde bucht und zahlt dann direkt beim Anbieter. Das unterscheidet uns von Agenturen, die den Anbieternamen vorab nicht bekanntgeben – da sie fürchten, sonst umgangen zu werden – und das Inkasso selber machen.“ Für manche Charterer ist es jedoch wichtig, vor der Buchung zu wissen, wer ihnen das Schiff dann später übergeben wird. Bewertungen und Empfehlungen spielen da eine Rolle, eigene Erfahrungen sowieso. Objektiv betrachtet sind die Wünsche beider Seiten nachvollziehbar, der Trend läuft aber anders: „Wir sind dabei, ein vollkommen transparentes Vergleichsportal zu schaffen“, kündigt Felix Wolf an.

Yachtino ebnet den Weg zum Anbieter

Einen anderen Weg geht die Yachtino GmbH (Nürnberg), die neben dem Gebrauchtboot-Portal www.yachtall.com auch das Charter-Portal www.happycharter.com betreibt. Dort kommt der Endkunde auf der Suche nach einem Boot mit der Eingabe der Eckdaten wie Revier, Größe (Länge und Kabinen) zu einer Liste, auf der gleich der jeweilige Anbieter genannt wird. Geht man in die Details eines Bootes, kann man eine Anfrage an den Anbieter generieren. Die Verlinkung des Anbieters führt aber zu dessen kompletten Angebot ebenso wie zum direkten Kontakt/zur direkten Website.

„Wir müssen Anfragen liefern“, erläutert Thomas Fock von Yachtino (2004 gegründet) das Erfolgskriterium, „später wird der Kunde direkt mit dem Anbieter kommunizieren“. Das Portal liefert eine Marktübersicht, lässt Preise vergleichen (ist aber kein Vergleichsportal) und zeigt auch, welche Boote der jeweilige Anbieter noch im Sortiment hat. Gebucht werden kann direkt auf der Happycharter-Seite nicht.

Für das Einstellen einer Flotte zahlt man einen Festpreis pro Jahr, abhängig von der Zahl der Boote. Rund 7000 Boote weltweit sind bei Happycharter zu finden, knapp über 600 Agenturen und Vercharterer werden gelistet, davon 126 aus Deutschland. Auch Privatanbieter können hier ihr Schiff offerieren.

Das Portal „spricht“ neben Deutsch auch noch vier weitere europäische Sprachen und Russisch. Die meisten Boote liegen in Kroatien, Deutschland und Spanien, die Kunden kommen zu mehr als der Hälfte aus Deutschland und den Niederlanden. Thomas Fock hat sowohl die Online-Portale für den Gebrauchtmarkt wie den Chartermarkt im Blick. „Im Chartermarkt sind mehr Segelyachten, im Kaufmarkt sind es mehr Motoryachten“, ist ihm aufgefallen. Vor allem aber sieht Fock im Hintergrund, welche Trends den Markt gerade antreiben. „Währungsverschiebungen spielen eine Rolle“, so Fock. Aber auch die Konflikte in Syrien und der Türkei wirkten sich schon im Frühjahr auf naheliegende Reviere aus. Und vor allem stellt er eines fest: „Der Chartermarkt wächst!“

Dass Yachtino eines der wenigen Unternehmen ist, das sich gleichermaßen mit Gebrauchtboot- wie Chartermärkten befasst, sieht man auch am Portal www.boote-yachten.de. Dort wird unter einem Dach beides vereint. Mit einem Button oben links kommt man in die jeweilige Rubrik und kann dort mit den üblichen Auswahlkriterien solange die Suche einschränken oder ausweiten, bis man ein überschaubare
Zahl von Treffern hat.

Fazit

Charterportale im Internet bieten derzeit noch eine kaum zu überschauende Vielfalt an. Erfolg haben sie alle nur, wenn der Endkunde – und die werden mehr – letztlich auch irgendwo bucht. Während die einen vor allem einen Marktüberblick gewähren, der mehr leistet als das frühere Einsammeln von Katalogen auf Messen, wollen die anderen Suche und Buchung so einfach, schnell und komfortabel wie möglich machen. Das indes wird nicht ganz so einfach sein, da sich für den Charterzeitraum in einem Schiff das nahezu komplette Leben abspielt – im Gegensatz zu einem Auto, das nur Fortbewegungsmittel ist, oder zu einem Hotelzimmer, das meist nur zum Schlafen und Duschen gebraucht wird. Von daher ist sicher das Bewertungssystem „YachtCheck“ ein Schritt in der richtigen Richtung.