BUNDESVERBAND WASSERSPORTWIRTSCHAFT E.V.

Die der Antrieb umtreibt


Die Zahlen sind beeindruckend: Vor zehn Jahren wurde Torqeedo als Start up gegründet, bis heute wurden über 50.000 Elektromotoren als Bootsantriebe verkauft. Inzwischen sind über 80 Mitarbeiter direkt beschäftigt, der Umsatz beläuft sich auf 15 Millionen Euro pro Jahr. Die im Landkreis Starnberg ansässige Firma Torqeedo ist mit Abstand Weltmarktführer im Bereich elektrischer Antriebe im Wassersport – überhäuft mit Auszeichnungen!

Die ersten Motoren waren Antriebe für kleine Boote mit einer Vortriebsleistung von einem PS („Ultralight“), Flautenschieber („Travel“ mit 1,5 und 3 PS Vortriebsleistung) für Boote bis 1,5 Tonnen und die kleine Außenborder-Serie „Cruise“ (5 und 8 PS). Inzwischen ergänzen leistungsstarke „Deep Blue“-Außenborder mit umgerechnet 40 oder 80 PS sowie Innenbord-Antriebe die Produktpalette. Zu den Motoren gehören leistungsstarke Lithium-Batterien, Solar-Ladegeräte und Zubehör bis hin zur Reichweiten-App fürs Smartphone. Was in Bayern begann, konzentriert sich heute zu etwa 30 Prozent auf den deutschen Markt und zu 70 Prozent auf das internationale Geschäft.

Angetreten war Torqeedo, um in allen Teilbereichen des elektrischen Bootsantriebs neue Maßstäbe zu setzen: beim Motor selbst, bei der Batterie und auch beim Propeller. Mühelos hat das Unternehmen diese Hürden genommen – und hält sich unverändert an diesen Anspruch. Wesentlich für den Erfolg ist die Effizienz der Antriebe: Torqeedo-Systeme erreichen einen Gesamt-Wirkungsgrad von bis zu 56 Prozent – eine Dimension, die ein Verbrennungsmotor nie erreichen kann.

Die Geschichte des Start ups beginnt tatsächlich in einer Garage.Der Betriebswirtschaftler Dr. Christoph Ballin war nach Starnberg gezogen, wurde stolzer Besitzer eines Bootshauses und wollte darin auch ein Motorboot unterbringen. Doch Boote mit Verbrennungsmotoren sind auf dem Starnberger See limitiert – und so beschaffte er eben einen der damals üblichen Elektromotoren. Klobig, ineffizient und mit einem Mordsgerät von einer Bleibatterie. Statt Anerkennung erntete er in seinem Bekanntenkreis Häme. Ein befreundeter Physiker erklärte ihm, welch alte Dino-Technik er da angeschafft habe – und dass man so einen Elektroantrieb für ein Boot doch viel schlauer bauen könne. Doch das machte bis dato keiner. Christoph Ballin ist ein Mensch, der zu Grübeln anfängt, wenn man etwas „besser“ machen kann. Es dauerte also nicht lange, und die Idee, innovative E-Motoren für den Wassersport zu bauen, war in allen Richtungen abgeklopft – und versprach einen riesigen, wachsenden Markt. Eine um Längen effizientere Technik war das eine, die Entwicklung zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Umwelt (abgasfreie Motoren in einem sensiblen Anwendungsbereich) und der weltweit wachsende Wunsch nach Mobilität auch auf dem Wasser waren das andere. Der Markt war schon da, aber keiner hatte ihn bisher wahrgenommen.

Nach sieben Jahren – die starken Außenborder waren kurz vor der Markteinführung – platzte das Unternehmen aus allen Nähten. Torqeedo verließ Starnberg und zog ein paar Orte weiter, nach Gilching. Das liegt ebenfalls im Landkreis Starnberg, und somit ist das ursprüngliche Logo mit der Unterzeile „Starnberg. Germany“ immer noch korrekt, freut sich Ballin. Der neue Unternehmenssitz hat zwar nicht mehr den Charme eines idyllischen Hinterhofs nahe der Starnberger Hauptverkehrsachse, dafür liegt er inmitten vieler High-Tech-Firmen rund um den Sonderflughafen von Oberpfaffenhofen, wo früher Dornier Flugzeuge baute und heute auch die DLR ihr Kontrollzentrum für Weltraummissionen und das Galileo-Satellitennetz betreibt. „Hier hat vieles gepasst. Das ist ein professionelles Gebäude – und hier haben wir die Möglichkeit, uns weiter auszudehnen und weiter zu wachsen“, sagt Ballin über den neuen Standort. In den drei Jahren dort ist Torqeedo um rund 30 Mitarbeiter gewachsen. Der Zuwachs war „querbeet“ in den Feldern Mechanik, Elektronik, Software bis zur Hydrodynamik, ebenso wie in den Verwaltungsbereichen vom Einkauf über Marketing bis Finanzen. „Auch in drei Jahren werden wir noch stärker aufgestellt sein als heute schon“, so Ballin. „Wo früher einer für die Qualität sorgen musste, da haben wir jetzt sechs Leute.“ Damit einher gehe eine deutlich höhere Spezialisierung, da jeder Mitarbeiter andere Schwerpunkte mitbringe.

An ein Start up erinnert in Gilching nichts mehr. In der großzügigen Eingangshalle sind alle Motoren der Produktpalette ausgestellt. An zwei Paneelen wird die neue Zubehör-Generation präsentiert: von der Tragetasche für die Travel-Motoren über Ersatzteile bis zu silbergrauen Polo-Shirts. Silbergrau, eine der beiden Unternehmensfarben, dominiert in dem neuen Gebäude innen und außen. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass viele Mitarbeiter – aus eigenem Antrieb – Orange, die andere Farbe von Torqeedo, irgendwo in ihren Klamotten haben – und wenn es nur die Schnürsenkel sind. Neben der kompletten Verwaltung und dem Vertrieb sind am Standort Gilching die Produktion und vor allem die Forschungsllabors untergebracht. Richtige Labors mit sichtbaren Experimenten wie auch die typischen Elektroniker-Basteltische, bei denen das kreative Chaos Trumpf zu sein scheint. Doch der Tischbesitzer kennt sich in seinem Heiligtum aus.

Mit den Hochvolt-Motoren der Deep-Blue-Serie ist Torqeedo in den Bereich der Innenborder eingestiegen. „Die stärkeren Leistungsklassen repräsentieren einen großen Anteil am Markt“, erklärt Ballin. Elektrische Antriebe in diesem Bereich gibt es schon länger, vor allem für zulassungsbeschränkte Seen in Mitteleuropa. Die Stückzahl entsprach aber nicht industrieller Dimension. „Unser Anspruch ist es, nicht nur einen Antrieb zu bauen, der für Leute ist, die elektrisch fahren müssen, sondern einen Antrieb zu verkaufen, weil er gut ist, weil er wettbewerbsfähig mit dem Verbrennungsmotor ist!“ Damit erschließe sich ein breiterer Markt, und die industriellen Aufwände für Entwicklung, Werkzeuge oder Zulieferer-Verträge würden sich rentieren. So könne man nicht nur Stückzahlen auf regulierten Seen erreichen, sondern weit darüber hinaus – viele kleine Segmente, viele Nischen summieren sich zu einem Volumen, das ein industrielles Produkt  rechtfertige.

Bei Torqeedo werden nicht einfach verschiedene Komponenten zusammengesteckt, sondern ganze Systeme umfassenden Langzeittests unterzogen. Da surren in großen Tauchbecken ein halbes Dutzend Motoren im Dauertest, werden Gehäuse mit UV-Strahlen „gesonnt“ und unterschiedliche Temperatur- und Feuchtigkeits-Szenarien in Klimakammern getestet. Die Lithiumbatterien werden in einem Hochsicherheitstrakt gelagert, für den Dauertest des 80 PS starken Außenborders wurde extra ein armdickes Kupferkabel gelegt. Selbst EMV-Prüfungen (Wechselwirkungen des Systems mit anderen elektromagnetischen Geräten wie Handys oder Herzschrittmachern) führt Torqeedo hier selber durch. Für die Hochvolt-Lithiumbatterien, die von einem amerikanischen Hersteller aus dem Automobilbereich kommen, garantiert Torqeedo nach neun Jahren immer noch 80 Prozent der ursprünglichen Kapazität!

Von der Risiko-Analyse bis zu Hunderten von Stunden Dauertest des Deep-Blue-Systems – für Torqeedo steht die Sicherheit ganz oben. „Um so ein System sicher zu entwickeln, braucht es einen siebenstelligen Entwicklungsaufwand“, überschlägt Ballin den Aufwand. Doch der zahlt sich auch für den Kunden aus: Denn der Versicherungsmakler Pantaenius bietet für Elektro-Yachten, die mit dem Deep-Blue-Antriebssystem von Torqeedo ausgerüstet sind, einen günstigen Tarif an. Dieser Gruppentarif schließt die Abdeckung von Brandschäden ein, die sonst bei Elektro-Yachten – nach diversen Bränden mit individuell zusammengestellten Komponenten – für immer mehr Probleme beim Versicherungsschutz sorgen.

Drei Jahre schon arbeitet Christoph Ballin als kaufmännischer Geschäftsführer in dem neuen, geräumigen Büro in Gilching – aber die Wände sind bis auf eine weiße Tafel immer noch jungfräulich. Sogar die Bilder seiner Kinder stehen noch auf dem Boden. „Wir sind einfach zu fleißig“, stellt Ballin fest, denn auch das zehnjährige Firmenjubiläum hat man beinahe verpasst. Nur die Wände der Gänge, gewissermaßen ein „walk of fame“, sind geschmückt: mit den Awards, Preisen und Auszeichnungen, die Torqeedo schon reichlich in aller Welt gesammelt hat, für Innovationen, „grüne Produkte“, Umweltpreise, Gründerpreise – und  natürlich beste Testergebnisse.

Neue Produkte sind längst in der Pipeline. Das Innenborder-System wird erweitert, ein Außenborder mit einer Antriebsleistung von 14 PS (10 kW) soll die Lücke zwischen den kleinen und großen Antrieben schließen. Elektrische Verbraucher gibt es auf größeren Yachten zuhauf – und so liegt es nahe, dass man sich bei Torqeedo auch Gedanken darüber macht, wie mit einer Lithium-Batterie nicht nur ein elektrischer Antrieb das Boot zum Fahren bringt, sondern wie damit auch das restliche Stromnetz an Bord gespeist werden kann. Und wie der Strom in so einem Hybrid-System in die Batterie hineinkommt. „Die elektrischen Verbraucher werden immer mehr auf einer Segelyacht“, sagt Christoph Ballin. Die reine Antriebsleistung wird oft nur für eine halbe Stunde gebraucht, Kühlschrank, Klimaanlage oder Heizung laufen aber den ganzen Tag. Die Kombination im Hybrid-System mit einem Diesel-Generator bringt viele Vorteile: Nachts ist kein Generatorlärm für die Stromerzeugung nötig, zum Laden der Batterien kann neben Solarzellen auch der mitlaufende Propeller genutzt werden.

Internet: www.torqeedo.com; www.facebook.com/torqeedo